a. Der theoretische Geist
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Die Intelligenz findet sich bestimmt; dies ist ihr Schein, von dem sie in ihrer Unmittelbarkeit ausgeht; als Wissen aber ist sie dies, das Gefundene als ihr eigenes zu setzen. Ihre Tätigkeit hat es mit der leeren Form zu tun, die Vernunft zu finden, und ihr Zweck ist, daß ihr Begriff für sie sei, d. i. für sich Vernunft zu sein, womit in einem der Inhalt für sie vernünftig wird. Diese Tätigkeit ist Erkennen. Das formelle Wissen der Gewißheit erhebt sich, da die Vernunft konkret ist, zum bestimmten und begriffgemäßen Wissen. Der Gang dieser Erhebung ist selbst vernünftig und ein durch den Begriff bestimmter, notwendiger Übergang einer Bestimmung der intelligenten Tätigkeit (eines sogenannten Vermögens des Geistes) in die andere. Die Widerlegung des Scheines, das Vernünftige zu finden, die das Erkennen ist, geht [aus] von der Gewißheit, d. i. dem Glauben der Intelligenz an ihre Fähigkeit, vernünftig zu wissen, an die Möglichkeit, sich 10/240 die Vernunft aneignen zu können, die sie und der Inhalt an sich ist.

Die Unterscheidung der Intelligenz von dem Willen hat oft den unrichtigen Sinn, daß beide als eine fixe, voneinander getrennte Existenz genommen werden, so daß das Wollen ohne Intelligenz oder die Tätigkeit der Intelligenz willenlos sein könne. Die Möglichkeit, daß, wie es genannt wird, der Verstand ohne das Herz und das Herz ohne den Verstand gebildet werden könne, daß es auch einseitigerweise verstandlose Herzen und herzlose Verstande gibt, zeigt auf allen Fall nur dies an, daß schlechte, in sich unwahre Existenzen statthaben; aber die Philosophie ist es nicht, welche solche Unwahrheiten des Daseins und der Vorstellung für die Wahrheit, das Schlechte für die Natur der Sache nehmen soll. - Eine Menge sonstiger Formen, die von der Intelligenz gebraucht werden, daß sie Eindrücke von außen empfange, sie aufnehme, daß die Vorstellungen durch Einwirkungen äußerlicher Dinge als der Ursachen entstehen usf., gehören einem Standpunkte von Kategorien an, der nicht der Standpunkt des Geistes und der philosophischen Betrachtung ist.
Eine beliebte Reflexionsform ist die der Kräfte und Vermögen der Seele, der Intelligenz oder des Geistes. - Das Vermögen ist wie die Kraft die fixierte Bestimmtheit eines Inhalts, als Reflexion- in-sich vorgestellt. Die Kraft ( 136) ist zwar die Unendlichkeit der Form, des Inneren und Äußeren, aber ihre wesentliche Endlichkeit enthält die Gleichgültigkeit des Inhalts gegen die Form (ebenda, Anm.). Hierin liegt das Vernunftlose, was durch diese Reflexionsform und die Betrachtung des Geistes als einer Menge von Kräften in denselben sowie auch in die Natur gebracht wird. Was an seiner Tätigkeit unterschieden werden kann, wird als eine selbständige Bestimmtheit festgehalten und der Geist auf diese Weise zu einer verknöcherten, mechanischen Sammlung gemacht. Es macht dabei ganz und gar keinen Unterschied, ob statt der Vermögen 10/241 und Kräfte der Ausdruck Tätigkeiten gebraucht wird. Das Isolieren der Tätigkeiten macht den Geist ebenso nur zu einem Aggregatwesen und betrachtet das Verhältnis derselben als eine äußerliche, zufällige Beziehung.
Das Tun der Intelligenz als theoretischen Geistes ist Erkennen genannt worden, nicht in dem Sinne, daß sie unter anderem auch erkenne, außerdem aber auch anschaue, vorstelle, sich erinnere, einbilde usf; eine solche Stellung hängt zunächst mit dem soeben gerügten Isolieren der Geistestätigkeiten, aber ferner hängt damit auch die große Frage neuerer Zeit zusammen, ob wahrhaftes Erkennen, d. i. die Erkenntnis der Wahrheit möglich sei; so daß, wenn wir einsehen, sie sei nicht möglich, wir dies Bestreben aufzugeben haben. Die vielen Seiten, Gründe und Kategorien, womit eine äußerliche Reflexion den Umfang dieser Frage anschwellt, finden ihre Erledigung an ihrem Orte; je äußerlicher der Verstand sich dabei verhält, desto diffuser wird ihm ein einfacher Gegenstand. Hier ist die Stelle des einfachen Begriffs des Erkennens, welcher dem ganz allgemeinen Gesichtspunkt jener Frage entgegentritt, nämlich dem, die Möglichkeit des wahrhaften Erkennens überhaupt in Frage zu stellen und es für eine Möglichkeit und Willkür auszugeben, das Erkennen zu treiben oder aber es zu unterlassen. Der Begriff des Erkennens hat sich als die Intelligenz selbst, als die Gewißheit der Vernunft ergeben; die Wirklichkeit der Intelligenz ist nun das Erkennen selbst. Es folgt daraus, daß es ungereimt ist, von der Intelligenz und doch zugleich von der Möglichkeit oder Willkür des Erkennens zu sprechen. Wahrhaft aber ist das Erkennen, eben insofern sie es verwirklicht, d. i. den Begriff desselben für sich setzt. Diese formelle Bestimmung hat ihren konkreten Sinn in demselben, worin das Erkennen ihn hat. Die Momente seiner realisierenden Tätigkeit sind Anschauen, Vorstellen, Erinnern usf.; die[se] Tätigkeiten haben keinen anderen immanenten Sinn; ihr Zweck ist allein der Begriff des 10/242 Erkennens (s. Anm. 445). Nur wenn sie isoliert werden, so wird teils vorgestellt, daß sie für etwas anderes als für das Erkennen nützlich seien, teils [daß sie] die Befriedigung desselben für sich selbst gewähren, und es wird das Genußreiche des Anschauens, der Erinnerung, des Phantasierens usf. gerühmt. Auch isoliertes, d. i. geistloses Anschauen, Phantasieren usf. kann freilich Befriedigung gewähren; was in der physischen Natur die Grundbestimmtheit ist, das Außersichsein, die Momente der immanenten Vernunft außereinander darzustellen, das vermag in der Intelligenz teils die Willkür, teils geschieht es ihr, insofern sie selbst nur natürlich, ungebildet ist. Die wahre Befriedigung aber, gibt man zu, gewähre nur ein von Verstand und Geist durchdrungenes Anschauen, vernünftiges Vorstellen, von Vernunft durchdrungene, Ideen darstellende Produktionen der Phantasie usf., d. i. erkennendes Anschauen, Vorstellen usf. Das Wahre, das solcher Befriedigung zugeschrieben wird, liegt darin, daß das Anschauen, Vorstellen usf. nicht isoliert, sondern nur als Moment der Totalität, des Erkennens selbst, vorhanden ist.

Zusatz. Wie schon im Zusatz zu 441 bemerkt wurde, hat auch der durch die Negation der Seele und des Bewußtseins vermittelte Geist selber zunächst noch die Form der Unmittelbarkeit, folglich den Schein, sich äußerlich zu sein, sich, gleich dem Bewußtsein, auf das vernünftige als auf ein außer ihm Seiendes, nur Vorgefundenes, nicht durch ihn Vermitteltes zu beziehen. Durch Aufhebung jener ihm vorangegangenen beiden Hauptentwicklungsstufen, dieser von ihm sich selber gemachten Voraussetzungen, hat sich uns aber der Geist bereits als das Sich-mit-sich-selbst-Vermittelnde als das aus seinem Anderen sich in sich Zurücknehmende, als Einheit des Subjektiven und des Objektiven gezeigt. Die Tätigkeit des zu sich selber gekommenen, das Objekt an sich schon als ein aufgehobenes in sich enthaltenden Geistes geht daher notwendig darauf aus, auch jenen Schein der Unmittelbarkeit seiner selbst und seines Gegenstandes, die Form des bloßen Findens des Objektes, aufzuheben. - Zunächst erscheint sonach allerdings die 10/243 Tätigkeit der Intelligenz als eine formelle, unerfüllte, der Geist folglich als unwissend; und es handelt sich zuvörderst darum, diese Unwissenheit wegzubringen. Zu dem Ende erfüllt sich die Intelligenz mit dem ihr unmittelbar gegebenen Objekte, welches, eben wegen seiner Unmittelbarkeit, mit aller Zufälligkeit, Nichtigkeit und Unwahrheit des äußerlichen Daseins behaftet ist. Bei dieser Aufnahme des unmittelbar sich darbietenden Inhaltes der Gegenstände bleibt aber die Intelligenz nicht stehen; sie reinigt vielmehr den Gegenstand von dem, was an ihm als rein äußerlich, als zufällig und nichtig sich zeigt. Während also dem Bewußtsein, wie wir gesehen haben, seine Fortbildung von der für sich erfolgenden Veränderung der Bestimmungen seines Objektes auszugehen scheint, ist die Intelligenz dagegen als diejenige Form des Geistes gesetzt, in welcher er selber den Gegenstand verändert und durch die Entwicklung desselben auch sich zur Wahrheit fortentwickelt. Indem die Intelligenz den Gegenstand von einem Äußerlichen zu einem Innerlichen macht, verinnerlicht sie sich selbst. Dies beides, die Innerlichmachung des Gegenstandes und die Erinnerung des Geistes, ist ein und dasselbe. Dasjenige, von welchem der Geist ein vernünftiges Wissen hat, wird somit eben dadurch, daß es auf vernünftige Weise gewußt wird, zu einem vernünftigen Inhalt. - Die Intelligenz streift also die Form der Zufälligkeit dem Gegenstande ab, erfaßt dessen vernünftige Natur, setzt dieselbe somit subjektiv und bildet dadurch zugleich umgekehrt die Subjektivität zur Form der objektiven Vernünftigkeit aus. So wird das zuerst abstrakte, formelle Wissen zum konkreten, mit dem wahrhaften Inhalt angefüllten, also objektiven Wissen. Wenn die Intelligenz zu diesem durch ihren Begriff ihr gesetzten Ziele gelangt, ist sie in Wahrheit das, was sie zunächst nur sein soll, - nämlich das Erkennen. Dasselbe muß vom bloßen Wissen wohl unterschieden werden. Denn schon das Bewußtsein ist Wissen. Der freie Geist aber begnügt sich nicht mit dem einfachen Wissen; er will erkennen, d. h. er will nicht nur wissen, daß ein Gegenstand ist und was derselbe überhaupt sowie seinen zufälligen, äußerlichen Bestimmungen nach ist, sondern er will wissen, worin die bestimmte substantielle Natur des Gegenstandes besteht. Dieser Unterschied des Wissens und des Erkennens ist etwas dem gebildeten Denken ganz Geläufiges. So sagt man zum Beispiel: Wir wissen zwar, daß Gott ist, aber wir vermögen ihn nicht zu erkennen. Der Sinn dieser Behauptung ist der, daß wir wohl eine unbestimmte Vorstellung von dem abstrakten Wesen Gottes haben, dagegen dessen bestimmte, konkrete Natur zu begreifen außerstande sein sollen. Diejenigen, die so sprechen, können - für ihre eigene Person - vollkommen recht haben. Denn obgleich auch 10/244 diejenige Theologie, die Gott für unerkennbar erklärt, um denselben herum exegetisch, kritisch und historisch sich sehr viel zu schaffen macht und sich auf diese Weise zu einer weitläufigen Wissenschaft aufschwellt, so bringt sie es doch nur zu einem Wissen von Äußerlichem, exzerniert dagegen den substantiellen Inhalt ihres Gegenstandes als etwas für ihren schwachen Geist Unverdauliches und verzichtet sonach auf die Erkenntnis Gottes, da, wie gesagt, zum Erkennen das Wissen von äußerlichen Bestimmtheiten nicht ausreicht, sondern dazu das Erfassen der substantiellen Bestimmtheit des Gegenstandes notwendig ist. Solche Wissenschaft wie die eben genannte steht auf dem Standpunkt des Bewußtseins, nicht auf dem der wahrhaften Intelligenz, die man mit Recht sonst auch Erkenntnisvermögen nannte; nur daß der Ausdruck Vermögen die schiefe Bedeutung einer bloßen Möglichkeit hat.
Behufs der Übersichtlichkeit wollen wir jetzt versicherungsweise den formellen Gang der Entwicklung der Intelligenz zum Erkennen im voraus angeben. Derselbe ist folgender:
Zuerst hat die Intelligenz ein unmittelbares Objekt, dann zweitens einen in sich reflektierten, erinnerten Stoff, endlich drittens einen ebensowohl subjektiven wie objektiven Gegenstand.
So entstehen die drei Stufen:
α) des auf ein unmittelbar einzelnes Objekt bezogenen, stoffartigen Wissens, - oder der Anschauung,
β) der aus dem Verhältnis zur Einzelheit des Objektes sich in sich zurücknehmenden und das Objekt auf ein Allgemeines beziehenden Intelligenz, oder der Vorstellung,
γ) der das konkret Allgemeine der Gegenstände begreifenden Intelligenz, - oder des Denkens in dem bestimmten Sinne, daß dasjenige, was wir denken, auch ist, - auch Objektivität hat.
α) Die Stufe der Anschauung, des unmittelbaren Erkennens oder des mit der Bestimmung der Vernünftigkeit gesetzten, von der Gewißheit des Geistes durchdrungenen Bewußtseins zerfällt wieder in drei Unterabteilungen:
1. Die Intelligenz fängt hier von der Empfindung des unmittelbaren Stoffes an;
2. entwickelt sich dann zu der das Objekt ebenso von sich abtrennenden wie fixierenden Aufmerksamkeit,
3. und wird auf diesem Wege zu der das Objekt als ein Sich-selber-Äußerliches setzenden eigentlichen Anschauung.
β) Die zweite Hauptstufe der Intelligenz aber, die Vorstellung, umfaßt die drei Stufen:
1. der Erinnerung,
2. der Einbildungskraft,
3. des Gedächtnisses. 10/245
γ) Endlich die dritte Hauptstufe in dieser Sphäre, das Denken, hat zum Inhalt:
1. den Verstand,
2. das Urteil und
3. die Vernunft.